Zum Inhalt springen Zur Fußzeile springen

Im Fokus – Das Projekt zur Wiedereingliederung auf dem Bauernhof „Emmaüs Baudonne“

Gabriel „Gabi“ Mouesca ist heute Leiter der Emmaüs-Farm in Baudonne. An diesem Sonntag, dem 22. Oktober, spricht er gemeinsam mit Julen Achiary darüber, wie wichtig es ist, unsere Sichtweise auf das Strafvollzugssystem zu ändern.

Im Jahr 2001 ist Gabriel Mouesca 40 Jahre alt, davon hat er 17 Jahre im Gefängnis verbracht. Er gehörte zu jenen, die sich für den bewaffneten Kampf zur Verteidigung der baskischen Unabhängigkeit entschieden hatten. Nach seiner Beteiligung an der Schießerei auf dem Campingplatz von Léon wurde er zu einer Freiheitsstrafe verurteilt; er floh aus dem Gefängnis von Pau, bevor er von der Polizei wieder gefasst wurde. Er kennt die Mechanismen der „barbarischen Strafe der Inhaftierung“ nur zu gut . Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis berichtet er unermüdlich über die Verletzungen der Rechte und der Würde von Inhaftierten.

Frauen bei der Arbeit auf dem Bauernhof „Emmaüs Beaudonne“ – Foto: Bauernhof „Emmaüs Beaudonne“

Von 2004 bis 2008 war Gabi Vorsitzender der französischen Sektion des Internationalen Gefängnisbeobachtungszentrums (OIP). Überzeugt von der Notwendigkeit zu handeln, rief er 2020 die Initiative „Ferme de Baudonne“ ins Leben. Der landwirtschaftliche Betrieb der Emmaüs-Farm in der Gemeinde Tarnos im Departement Landes erstreckt sich über mehr als zwei Hektar. Das Gemüse, das sich in der Umstellung auf die Zertifizierung als biologischer Anbau (AB) befindet, wird das ganze Jahr über im Gewächshaus und auf den Feldern angebaut. Mit einer Besonderheit: Die rund zehn Arbeiterinnen, die dort tätig sind, sind allesamt Strafgefangene, die sich am Ende ihrer Haftstrafe befinden. Im Rahmen der Strafvollzugsgestaltung wird allen ein Arbeitsvertrag und ein Lohn im biologischen Gemüseanbau angeboten.

Ist das Gefängnis in Baudonne überflüssig? 

In Tarnos gibt es weder Riegel noch Stacheldraht. Nur eine Platanenallee trennt den Hof vom Rest der Welt. Gabriel Mouesca ist sich nämlich sicher: Das französische Strafvollzugssystem zerstört die Individualität der Gefangenen. Um ihnen einen Neuanfang zu ermöglichen, setzt er daher auf Vertrauen und Selbstbestimmung. Jede Bewohnerin verfügt über eine eigene Unterkunft – eine notwendige Privatsphäre nach der Erfahrung des Lebens in einer Zelle. Für die Insassinnen bedeutete die Inhaftierung oft den Bruch aller sozialen Bindungen. Daher ist die Begleitung beim Wiederaufbau familiärer Bindungen notwendig, insbesondere der Mutter-Kind-Beziehungen. Zur Vorbereitung auf die Entlassung, die oft von prekären Lebensumständen und Schwierigkeiten bei der beruflichen Eingliederung geprägt ist, erhalten die Insassinnen eine kollektive und individuelle Begleitung und können qualifizierende Berufsausbildungen absolvieren.

Gabriel Mouesca stellt die Initiative „Emmaüs Baudonne“ vor – Foto: Margot Artur de Lizarraga

Auch wenn diese Frauen alle verurteilt wurden, haben sie oft selbst Gewalt erlebt – sei es häusliche, sexuelle oder familiäre Gewalt. „Die Forschung zeigt seit Jahren, dass die wahren Täter oft Männer sind“, erklärt Gabi Mouesca. Angesichts der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der inhaftierten Frauen Ausländerinnen sind und jede zehnte inhaftierte Frau weder lesen noch schreiben kann, betont er die Notwendigkeit, die Strafbesessenheit zu überwinden, Freiheitsstrafen zu einer Ausnahme zu machen und der (Wieder-)Eingliederung Vorrang einzuräumen.

„Für mich ist Musik eine Form der Flucht“

Flyer zum Hofverkauf bei Emmaüs Beaudonne

Der letzte Tag des Haizebegi-Festivals steht ganz im Zeichen der Musik im Dienste des Gemeinwohls. Im Auditorium der Cité des Arts trifft Julen Achiary, der dort am Abend mit seiner Band Haratago auftritt, auf Gabriel Mouesca. Strahlend teilt der Musiker seine Leidenschaft für den „basa ahaide“, den Hirtengesang aus der Region Soule. Julen ist überzeugt: Musik hat eine befreiende Kraft. Diese Überzeugung teilt auch Gabriel Mouesca, der sich besonders lebhaft an ein Konzert mit baskischer Musik erinnert, das er während seiner Haftzeit im Fernsehen gesehen hat. Zusammen mit seinem Team organisiert er gelegentlich kleine Konzerte auf dem Bauernhof „Emmaüs Baudonne“. Vielleicht ergibt sich ja bald die Gelegenheit, den baskischen Gesang auch auf den Bauernhof von Tarnos zu bringen.

Margot Artur de Lizarraga