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Im Fokus – The Boat Art Collective

Von Athen bis Bayonne verkörpert das „The Boat Art Collective“ die Notwendigkeit einer solidarischen Kunst. An diesem Samstag waren sie bei der 10. Ausgabe des Haizebegi-Festivals dabei.

Von Lesbos nach Athen

Die Geschichte des Boat Art Collective beginnt Ende 2019 im überfülltesten Auffanglager Europas. In Mória (Insel Lesbos, Griechenland) sind bis zu 22.000 Menschen inhaftiert: zehnmal mehr als die vorgeschriebene Kapazität. Während sie – oft lange – auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge warten, gelingt es den Migrant*innen, sich zu organisieren und Solidaritätsbeziehungen aufzubauen.

„The Boat Theater“, eine nonverbale Performance, die sich mit der Erfahrung der erzwungenen Migration auseinandersetzt – Foto: The Boat Art Collective

Für Iman Alidoosti ist der künstlerische Ausdruck ein Mittel, um die Härten des Alltags zu bewältigen. Im Rahmen ihrer Theater-Einführungskurse treffen sich die Mitglieder des Kollektivs, um sich auszutauschen, kreativ zu sein und sich gegenseitig zu unterstützen. Im Jahr 2021 präsentiert das „The Boat Art Collective“ „The Boat“, eine interdisziplinäre, nonverbale Theaterperformance, um die Rechte von Geflüchteten durch die Schilderung ihrer Erfahrungen zu verteidigen. 

Das Kollektiv umfasst heute etwa dreißig Künstler*innen. Ein Teil von ihnen hat beschlossen, sich in der griechischen Hauptstadt niederzulassen, wo sie daran arbeiten, das „The Boat Art Center“ zu eröffnen – ein Kulturzentrum, das drei Ausdrucksbereiche bietet: Körper, bildende Kunst und Musik. In Athen hoffen sie, jene wiederzufinden, die nach ihrem Austritt aus den Lagern noch immer in einer Situation erzwungener Unbeweglichkeit leben. Doch für das „The Boat Art Collective“ ist die Eröffnung des Zentrums in Athen nur ein Schritt. Das Ziel: solche Orte in mehreren anderen europäischen Großstädten zu eröffnen.

Vorstellung der Aktion des Kollektivs beim Haizebegi-Festival – Foto: Margot Artur de Lizarraga

Kunst als Ausdruck der Solidarität

Seit 2015 hat die Europäische Union ihre Grenzen militarisiert und ausgelagert, die Seenotrettung kriminalisiert und eine Politik der illegalen Abschiebung betrieben. Auf Lesbos haben NGOs angesichts des kriminellen Versagens einer Aufnahmepolitik die Initiative übernommen. Doch diese Organisationen lassen den Vertriebenen und Geflüchteten nach wie vor zu wenig Entscheidungsbefugnis. Deshalb ist das Projekt des Boat Art Collective „ “ einzigartig und unverzichtbar. Es wurde von Asylsuchenden aus dem Iran und Afghanistan gegründet und basiert auf gemeinsamen Werten wie Selbstorganisation, Inklusion, Antirassismus und der radikalen Ablehnung des Nationalismus.

Seit 2022 besteht das Kollektiv als„soziales Genossenschaftsunternehmen“. Es ist nach dem Prinzip der Gleichberechtigung und der Zusammenarbeit organisiert: Jedes Mitglied hat im Entscheidungsprozess eine gleichberechtigte Stimme. Vor dem Hintergrund massiver Arbeitslosigkeit und des Versagens der Institutionen möchte die Organisation marginalisierte Gemeinschaften einbinden und ihnen im griechischen und internationalen öffentlichen Raum Gehör verschaffen.

Das „Boat Art Collective“ in Haizebegi

Eine Woche lang hatte das Boat Art Collective im Rahmen des Haizebegi-Festivals einen Aufenthalt in Bayonne. Das Kollektiv arbeitete Hand in Hand mit den Studierenden des Theater-Fachzweigs des Conservatoire Maurice Ravel, um eine originelle Inszenierung auf die Beine zu stellen. Die Aufführung fand an diesem Samstag im Auditorium der Cité des Arts statt. In der Dunkelheit erheben sich drei Stimmen. Sie erzählen von einer Welt ohne Grenzen, die nach und nach durch Gier und Gleichgültigkeit korrumpiert wird. Dann weicht das gesprochene Wort einer Stunde voller Musik und Choreografie, die abwechselnd bedrohlich oder befreiend wirkt.

Präsentation der gemeinsamen Arbeit mit den Schülern des Conservatoire à Rayonnement Régional Maurice Ravel – Foto: Margot Artur de Lizarraga

Der Workshop wird den Teilnehmer*innen zweifellos in unvergessener Erinnerung bleiben, darunter auch Margot, die eine außergewöhnliche menschliche Erfahrung gemacht hat: „Sie haben uns so viel gegeben, dass es unmöglich war, im Gegenzug nicht ebenso großzügig zu sein.“ Was den Regisseur Iman Alidoosti angeht, so wird er mit Sicherheit etwas in Bayonne hinterlassen, um sicherzustellen, dass er wiederkommen muss.

Margot Artur de Lizarraga

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Eine Studie über das Lager Moria

Im Rahmen der Veranstaltung in Haizebegi stellte der deutsche Forscher Martin Gerner sein Buch „Moria.System.Zeugen“ vor. Er hat die griechische Insel Lesbos seit mehreren Jahren zu seinem Forschungsgebiet gemacht und zeigt sie als tragischen Knotenpunkt auf den Fluchtwegen zwischen Afghanistan und Europa auf. Seine Arbeit beleuchtet die vielfältigen Ursachen sozialer Konflikte in den Flüchtlingslagern in Europa, sowohl zwischen den Flüchtlingen untereinander als auch zwischen der einheimischen Bevölkerung und den humanitären Helfern. Er zeigt auf, wie Letztere Teil einer humanitären Industrie sind, die sich zunehmend von wirtschaftlichen Logiken leiten lässt. Dies führt dazu, dass sich Nichtregierungsorganisationen (NGOs) manchmal unreflektiert in den Dienst staatlicher Missionen stellen, ohne die Lebensbedingungen der Flüchtlinge oder die Anforderungen ihrer Bedürfnisse ausreichend zu berücksichtigen.

Siehe das Buch: „Moria.System.Zeugen“ von Martin Gerner

Vom selben Autor: „Finding Afghanistan“, Modo Verlag